„Ich hoffe, dass die Menschen sich jetzt ein bisschen bewusster werden, dass wir die Umwelt mehr schützen müssen.“

JUGENDSTIL* im Interview mit Nadya

Für unser Modellprojekt JUGENDSTIL* befragen wir junge Personen mit internationaler Geschichte nach ihrer Lebenssituation, ihren Erfahrungen und Erwartungen, ihren Hoffnungen und Befürchtungen für die Zukunft. Was bewegt die postmigrantische Generation heute, welche Themen beschäftigen junge Menschen und wofür setzen sie sich ein? 

Heute stellen wir euch Nadya (27) aus Berlin vor. Mit ihr haben wir im April vor einem Jahr während des ersten Corona-Lockdowns gesprochen. 

Wie geht es dir gerade in der jetzigen Zeit während des Corona-Lockdowns?

Mir geht’s gut, aber ich habe das Gefühl unproduktiv zu sein, bin ich nicht wirklich aber durch das viele zu Hause sein fühlt es sich so an. Ich kann zum Glück arbeiten, das gibt mir Struktur. Und ich gehe jeden Tag raus und ich habe gerade das Gefühl es ist viel voller als sonst in Berlin. Denn die öffentlichen Orte, wo man noch hingehen kann sind sehr voll, dort konzentriert sich alles. 

Wie sind deine Eltern nach Deutschland gekommen?

Mein Vater ist mit einer Schussverletzung, die er sich im Bürgerkrieg zugezogen hat, nach Deutschland gekommen. Er hatte einen Bombensplitter im Bein und wurde erst Cottbus und dann in Dresden behandelt. Das war eine langwierige Sache, er hatte dann so eine Metallschiene im Bein. Da seine Behandlung so lange dauerte, wurde ihm angeboten, in Dresden zu studieren und dann hat er schnell Mama kennengelernt. Die DDR war ja mit Palästina, Kuba usw. sehr solidarisch. Mein Papa wollte später gern zurück. Meine Eltern haben das probiert, sie waren auch drei Monate im Libanon, da war mein großer Bruder schon geboren. Aber sie konnten nicht dort bleiben, denn es herrschte immer noch Bürgerkrieg und meine Mutter hatte große Angst. Dann sind sie zurück nach Deutschland. Mein Papa hat sich dann hier eingelebt, obwohl sein Herz natürlich für den Libanon – für seine Heimat – schlug, aber er hat es dann akzeptiert hier zu bleiben mit seiner Familie. Papa weiß auch wirklich zu schätzen, in Deutschland zu leben. Ich weiß nicht, ob er den Libanon schöner findet – das Zusammensein und die offene, unkomplizierte Mentalität der Araber aber, danach sehnt er sich manchmal.

Was bedeutet Heimat für dich?

Auf jeden Fall bei und mit meiner Familie. Heimat wird für mich immer auch Halle bleiben, der Ort an dem ich aufgewachsen bin. Ich könnte mit meiner Familie auch woanders leben, aber ich glaube ich bin mit Halle verbunden. Ich denke 

Wo möchtest du später gern leben? 

Ich könnte mir grundsätzlich schon vorstellen, im Ausland zu leben, beispielsweise in Italien oder Schweden, eher in Europa. Aber ich will lieber in Deutschland bleiben wegen meiner Familie. Meine Schwester hat zwei kleine Kinder, die ich aufwachsen sehen möchte, die ich oft auch sehr vermisse. Da müsste ich schon sehr verliebt sein, um meine Familie hier zu verlassen und weit weg zu gehen.

Hast du schon einmal die Erfahrung gemacht, aufgrund deines Aussehens bzw. deiner Herkunft oder Religion diskriminiert worden zu sein bzw. Alltagsrassismus erlebt?

Eigentlich nicht. Also ich habe letztes Jahr mal erlebt, dass jemand sehr sehr deutlich mit mir gesprochen hat und ich sagte nur: Ja – ich versteh dich wirklich sehr sehr gut! Aber da war ich nicht böse. Also ich hatte nie dieses Gefühl in Halle da sind nur Nazis. Meine Eltern leben ja in Neustadt, dort habe ich schon mehr das Gefühl dass die Menschen die dort leben denken, dass ich im Flüchtlingsheim wohne, also dass die mich dorthin verorten. Einmal wurde ich in Berlin beschimpft, weil ich mit dem Fahrrad auf dem Fußweg gefahren bin. Der Mann meinte: „Geh weg und mach dich nützlich!“. Ich weiß nicht ob das in Bezug auf mein  Aussehen gemeint war. Ich beziehe das in der Regel nicht darauf, weil ich mich nicht als Ausländerin fühle. Ah, jetzt fällt mir doch noch ein Erlebnis ein: Letztes Jahr haben wir mit unseren Migrantenkindern aus dem Zirkus eine Reise nach Graal Müritz unternommen. Da waren wir auf einem Campingplatz und da waren wirklich offensichtlich viele rechts gesinnte Personen und Menschen mit Vorurteilen, die unsere Kinder angeschaut haben wie im Zoo und komische Sachen gesagt haben. Einem Mädchen mit Kopftuch wurde gegen das Zelt gepinkelt. Ich habe mich dort sehr unwohl gefühlt und als mein Vater mich dann anrief und fragte, wie es läuft und wie es mir geht, bin ich sogar in Tränen ausgebrochen. War irgendwie eine richtig blöde Stimmung, wir waren dort vollkommen fehl am Platz.

Was verbindest du mit dem Begriff „Migrationshintergrund“?

Lacht. Leider dass es auffällt, also optisch. Ich denke mir immer so, ich habe das ja auch. Aber ich fühle mich – da ich ja hier geboren bin – so deutsch, dass ich mich in dieses Konzept nicht eingebunden fühle. Und es hat für mich einen negativen Beigeschmack. Also es gibt ja immer einen Grund, warum man sein Land verlässt. Unser Vater zum Beispiel, der jetzt zwar gern hier in Deutschland lebt, der wäre immer lieber im Libanon, in seiner Heimat geblieben. Ich habe gerade so ein Buch über einen afghanischen Flüchtling gelesen, der von seinen Eltern verlassen wurde. Das hat mich sehr berührt. Die Sache an sich ist einfach schmerzlich, also sein  Land zu verlassen, fliehen zu müssen.Und dann diesen Migrationshintergrund zu haben

Wie ist deine Familiensituation? Wie lebst du im Moment? 

Ich lebe in einer WG mit einem Pendler, der ist nie da, also hauptsächlich allein. Ich bin damit zufrieden. Und ich könnte mir auch vorstellen ganz allein zu leben. Ich bin kinderlos und Single. Aber unsere Kernfamiliensituation ist total cool. Ich habe in Berlin meinen großen Bruder, den ich regelmäßig sehe, der ist nur nicht ganz so spontan. Und ich fahre ganz oft nach Halle und besuche meine Eltern und vor allem meine Schwester, wir hängen alle sehr aneinander und verstehen uns sehr gut.

Wer sind in deinem Leben die wichtigsten Bezugspersonen? Mit wem verbringst du besonders viel Zeit?

Meine Geschwister, vor allem meine Schwester Mariam, dann Susanne eine ältere Freundin, meine Eltern. Es gibt auch Freunde, aber davon sind vielleicht drei wichtige Bezugspersonen. Mit Mariam teile ich sehr viel, was ich zum Beispiel meinen Eltern nie erzählen würde.Viel Zeit verbringe ich im Moment mit meiner Freundin Susanne, die auch in Berlin lebt – wegen Corona. Sonst natürlich mit Mariam. Wenn ich in Halle bin, unterstütze ich sie viel mit den Kindern 

Was sind besondere Eigenschaften von dir? Wie würden dich Freunde beschreiben?

Ich glaube ich bin ziemlich offen und albern. Also nicht lustig, aber albern. Ich glaube viele könne mein Alter nicht richtig einschätzen, weil ich gern spiele und kindisch bin. Manchmal werde ich dann auch wieder reifer wahrgenommen. Ich rede sehr viel, bin spontan. Alle die mich gut kennen sagen, dass ich ein sehr aktiver umtriebiger Mensch bin.

Welche Hoffnungen und Erwartungen hast du für deine Zukunft? 

Für mich oder die Gesellschaft? Ich finde wir haben so eine schöne Familie, dann hoffe ich immer für andere Menschen, dass die das auch haben und die Bedeutung von Familie erkennen. Und dass es nur ein Vorurteil und Klischee ist, das die Deutschen nicht so warm sind als Gesellschaft. Dann hoffe ich, dass die Menschen sich jetzt ein bisschen bewusster werden, dass wir die Umwelt mehr schützen müssen. Ich wünsche mir dass sie erkennen, dass es schön ist, zusammen Zeit zu verbringen. Meine Schwester zum Beispiel merkt gerade, sie möchte viel mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und weniger arbeiten. Persönlich hätte ich gern einen coolen Job im sozialen Bereich, der mir Spaß macht. Und ich sehe mich auch mit Partner und Familie. Idealerweise in der gleichen Straße wie meine Schwester oder zusammen in einem Haus. Und dann wäre es schön, in Halle zu sein, mit einem guten Netzwerk an Familie und Freunden. Es müsste nicht unbedingt Halle sein, aber auch keinen Halbtagesritt weg von Halle. Also „Osten“ kann ich mir vorstellen, im Idealfall Berlin, Halle oder Leipzig. Und ich sehe mich mit einem Garten, das ist mein Wunsch. 

Welche Befürchtungen oder Ängste hast du für deine Zukunft? 

Bedrücken tut mich, dass ich mein Studium nicht mag, und sich das schon eine Weile zieht. Ich habe nicht vor, Lehrerin zu werden, obwohl das natürlich ein sinnvoller Beruf ist. Im Moment hätte ich trotzdem gern erstmal den Bachelor als Abschluss. Um mich zu finanzieren arbeite ich gerade in drei Jobs. Das Gute daran ist, dass ich an die nicht so gebunden bin. Ich nehme den Klimawandel wahr und das beängstigt mich. Ich bin jetzt nicht hoch engagiert was das Klima angeht. Also ich bin schon engagiert, aber in keiner festen Institution oder Verein, sondern „privat“ in Unterhaltungen, über Aktionen und die Beteiligung an Demos. Heute dachte ich: Es sollte unbedingt mal regnen, die Bäume sind jetzt schon voller brauner Blätter und es ist April. Ich denke das Klima ist dabei, sich gerade schon richtig krass zu verändern. Und es ist echt schlimm, die Schnelligkeit dabei zu sehen. Ich denke auch, Corona ist erst der Anfang, also wenn man den Klimawandel und die Folgen betrachtet. Deshalb hätte ich auf lange Frist gesehen gern eine Absicherung oder ein cooles Netz an Leuten, mit denen ich mir vielleicht zusammen eine autarke Lebensgemeinschaft aufbauen kann.

Was machst du so in deinem Alltag? 

Ich bin viel draußen in der Natur. Dann  gibt es nichts Konkretes, aber ich bastle ganz viel mit Holz, Gips und Blumen zum Beispiel. Gärtnern könnte mein Hobby werden, wenn ich einen Garten hätte. Ich gehe viel ins Konzert und Theater. 

Gibt es Werte, die dir etwas bedeuten? 

Dankbarkeit. Ich merke, dass ich ein großes Problem damit habe, wenn Menschen etwas als selbstverständlich hinnehmen – so als würde das Glück jedem zustehen. Ich finde, es steht jedem zu, aber es fällt nicht jedem zu, ist mehr wie eine sehr begrenzte Ressource. Obwohl man es selbst auch ziemlich in die Richtung lenken kann – schöne Gedanken und so. Dann Verlässlichkeit – obwohl ich selbst im Alltag sehr unzuverlässig bin, Aber bei meinen Freunden und meiner Familie ist es mir sehr wichtig. Kritikfähigkeit finde ich wichtig, also dass man Kritik annehmen kann, denn die Menschen die das tun wollen dich ja nicht schädigen sondern dir helfen. Treue finde ich auch sehr wichtig. Mein Vater hat auch immer gesagt: „Egal was ihr für Scheiße baut, ich stehe hinter euch!“. Direktheit finde ich auch wichtig, das kann aber manchmal verletzend sein.

Hast du Vorbilder? 

Meine Schwester Mariam, meine Freundin Susanne und meine Mama – drei Frauen in meinem Leben

Gibt es so etwas wie Lebensziele für dich? 

Familie. Und ich möchte gern an meiner Kommunikation arbeiten. In Zukunft vorurteilsfrei und gewaltfrei kommunizieren. 

Was ist ein Motto von Dir, ein Spruch der dich durchs Leben begleitet? 

Fällt mir gerade keiner ein. Aber ich sage mir oft: „Etwas was mich beschäftigt, zur Sprache bringen, das legt sich sonst aufs Herz“ UND „Ich kann meinem Bauch vertrauen“.

Ich habe kein Motto in dem Sinne, aber manchmal sehe ich Leute und denke, ich will nie so werden, dass ich denke „Das ist doch nur für Kinder oder das machen nur Kinder“. Ich will immer staunen und lernen können. Und: Du bist, was du denkst. Was du denkst, strahlst du aus, was du ausstrahlst, ziehst du an. 

Was bedeutet für dich Demokratie? 

Oha. Politisch bin ich ´ne richtige Null.  Demokratie bedeutet für mich Meinungsvielfalt und Mitbestimmung.

Inwieweit engagierst du dich im Moment ganz konkret für die Gesellschaft?

Über die Arbeit engagiere ich mich. Ich gebe manchmal Unterricht „Deutsch als Fremdsprache“. Dann arbeite ich einem Zirkus, dem „Zirkus Internationale e.V.“ Da bin ich Trainerin für Artistik und vermittle auch Basics im Bereich Jonglage/HulaHoop usw. Der Zirkus ist offen für alle Kinder aber es kommen fast nur Kinder aus dem Wedding aus einer bestimmten Schule und aus einem Flüchtlingsheim Oranienburger Straße. Angebote gibt es jeden Tag von 14 bis 19 Uhr und sie sind offen für Kinder im Alter von  8 bis 14 Jahren, die kommen meist nach der Schule.

Was ist deine Motivation, dich für deine Themen und andere Menschen einzusetzen?

Mir macht Freude mich in meinem Job zu engagieren, weil ich immer denke, dass all diese Kinder liebenswerte Wesen sind und weil es schön ist zu sehen, dass sie Spaß haben und das sie mal von ihrem stressigen Alltag weg sind. Viele Kinder würden nie mit ihren Eltern verreisen, die meisten Familien können sich das nicht leisten. Wir machen das mit denen, das ist so cool, dass wir das den Kindern anbieten können. In manchen Momenten während meiner Arbeit realisiere ich, wie gute es uns geht und wieviel es ausmacht, wo man geboren ist. Ich vermittle den Kindern auch gern einen kritischen Blick, also dass sie nicht alles unreflektiert von ihren Eltern – vor allem Vätern – übernehmen. Ich finde, dass Bildung der beste Weg ist, was zu verändern. 

Was brauchst oder wünschst du dir an Unterstützung für dein Engagement? 

Im Zirkus bräuchten wir mehr Leute, dort herrscht Personalmangel. Der Zirkus lebt vom Zuschuss des Senats und von Spenden. Der Verein hat einfach kein Geld beispielsweise vernünftige Materialien und Essen zu kaufen. Ich würde mir außerdem wünschen, dass die Eltern der Kinder sich mehr beteiligen und vielleicht auch mitmachen. Die Kinder verbringen sehr viel Zeit bei uns, sind da teilweise 6 Stunden und die Eltern kommen zum Teil nicht mal zu den Vorstellungen. 
Als Unterstützung im Alltag würde ich mir Austausch mit Gleichgesinnten wünschen, dass man sich zusammenfindet und sich gemeinsam für gemeinnützige Ziele einsetzt. Also schön wäre jemanden zu haben, der das organisiert. Mir selbst fällt sowas schwer.

Vielen Dank für das Gespräch!