„Ich finde dieser Rassismus sollte aus den Köpfen raus sein“

JUGENDSTIL* im Interview mit Nancy

Für unser Modellprojekt JUGENDSTIL* befragen wir junge Personen mit internationaler Geschichte nach ihrer Lebenssituation, ihren Erfahrungen und Erwartungen, ihren Hoffnungen und Befürchtungen für die Zukunft. Was bewegt die postmigrantische Generation heute, welche Themen beschäftigen junge Menschen und wofür setzen sie sich ein?

Heute stellen wir euch Nancy aus Halle vor. Mit ihr haben wir im vergangenen Jahr am 4. November ein Interview geführt – da war sie 14 Jahre alt.

Wie ist es dir die letzten Monate in der „Corona-Zeit“ ergangen?

Als Corona angefangen hat, war das für mich wie so ein komprimiertes Leben, ein neuer Lebensabschnitt. Man hat ja nicht damit gerechnet, es kam so plötzlich und auf einmal war das überall auf der Welt. Ich habe Negatives und Positives erlebt und bin daran gewachsen. Darauf baue ich jetzt auf und konzentriere mich auf die positiven Dinge. Ich habe einiges falsch gemacht, darüber möchte ich gerade nicht reden. Meine Eltern hatten davon keinen guten Eindruck und dann habe ich das verändert.

Wo lebst du gerade? Was gefällt dir dort, was nicht?

Ich finde die Stadt Halle schön, auch wenn sie klein ist, aber es ist eine sehr schöne Stadt. Ich bin ja hier geboren und habe trotzdem noch nicht alles von Halle gesehen, das würde ich gern, bevor ich wegziehe und mir vielleicht woanders eine Zukunft aufbaue.

Was bedeutet Heimat für dich?

Meine Heimat ist ja eigentlich Deutschland und auch Halle, ich bin hier geboren aufgewachsen und komme sehr gut klar. Ich werde manchmal darauf angesprochen, dass meine Heimat Syrien ist, aber ich habe ja hier meine Wohnung, bin hier zu Hause. Meine Eltern sind davon nicht so überzeugt, aber ich möchte vielleicht im Ausland studieren, das habe ich mir schon als kleines Mädchen gewünscht. Es ist ein Lebenstraum von mir, ein anderes Land und eine andere Kultur zu erleben und zu sehen, was sich dahinter verbirgt. Ich hatte mir vorgestellt in den USA zu studieren, aber viele aus meiner Schule haben dort ein Auslandsjahr gemacht oder Puerto Rico oder Europa, also die Möglichkeiten die Schule anbietet.

Was verbindest du mit dem Begriff „Migrationshintergrund“?

Schwer zu sagen. Also angesprochen fühle ich mich von dem Begriff positiv, weil ich auch stolz darauf bin, dass ich nicht komplett Deutsch bin und diese Wurzeln habe. Wenn mich jemand fragen würde nach meinem Migrationshintergrund, würde ich erzählen, dass ich in Deutschland geboren aber trotzdem stolz auf meine Wurzeln als Kurdin bin.

Alltagsrassismus in Deutschland ist ein großes Thema im Moment. In welchen Situationen hast du Erfahrungen damit gemacht, aufgrund deiner Herkunft und/oder deines Aussehens diskriminiert worden zu sein?

Ja Alltagsrassismus habe ich tatsächlich erlebt und erlebe es bis heute immer noch. In der Grundschule wurde ich sehr oft beleidigt, mir wurde gesagt, ich soll zurück in mein Land und dann habe ich immer gesagt, ich bin aber in Deutschland geboren und habe nur die Gene von meinen Eltern („Ja aber du hast doch schwarze Haare!“). In der Schule passiert es mir oft, dass Schüler*innen und auch Lehrer*innen fragen: Was machst du denn hier, wieso gehst du nicht zurück in dein Heimatland? – und das verletzt einen doch schon. Lehrer*innen fragen mich echt, was ich hier auf diesem Gymnasium zu suchen habe. Ich finde alle Menschen sind unterschiedlich und ich finde dieser Rassismus sollte aus den Köpfen raus sein.
Ich hatte früher damit richtig Probleme, mittlerweile erwarte ich das regelrecht und bin darauf vorbereitet. Mich gucken immer sehr viele Menschen an, weil ich schwarze Haare und dunkle Augen habe. Es gibt ein Mädchen aus meiner Schule, die hat auch braune Haare und braune Augen. Ihre Eltern kommen aus Deutschland und selbst sie wird mittlerweile komisch angesprochen und angeschaut.

Wie ist deine Familiensituation, mit wem verbringst du viel Zeit?

Im Moment geht’s mir gut in der Familie. Meine Mutter versucht mir viel zu helfen, aber ich brauche gerade viel Zeit für mich und meine Eltern sind da verständnisvoll. Die meiste Zeit verbringe ich tatsächlich mit meiner kleinen Schwester, sie ist 11 Jahre alt. Ich finde es spannend und lustig ihre Perspektive zu erleben und ich gehe viel mit ihr raus.

Womit beschäftigst du dich so in deinem Alltag?

Ich interessiere mich für Kampfsport! Ich habe über ein Jahr in einem Sportkurs mitgemacht und ich würde gern Kickboxen oder Wrestling machen, aber meine Eltern sind leider dagegen.

Was erhoffst du dir für deine Zukunft, welche Befürchtungen oder Ängste bewegen dich?

Ich hoffe, dass das Coronavirus endlich weggeht und wir nicht mehr so eingeschränkt im Leben sind. Dass ich mich in Zukunft nicht mehr runtermachen lasse. Beispielsweise diese Kritik, die ich fast tagtäglich bekomme – du gehörst hier nicht hin, was machst du hier. Ich wurde auch stark gemobbt früher, wegen meines Übergewichts. Also ich hoffe, dass ich mich in Zukunft nicht von diesen rassistischen Denkweisen und Äußerungen einschüchtern lasse und meine Schule durchziehe, damit ich dann studieren kann. So große Ängste habe ich nicht, aber kleine Dinge bereiten mir Sorgen, dass ich mein Abitur nicht schaffe oder mich wieder von irgendwas ablenken lasse und ich mich dann einfach nicht mehr auf die Dinge konzentrieren kann, die mir wichtig sind.

Welche gesellschaftlichen Themen treiben dich gerade um?

Das Thema Rassismus ist mir wichtig. Sexismus gibt’s ja auch, viele Frauen auf der Welt müssen tagtäglich mit der Kritik umgehen, ihr gehört nur in die Welt um Kinder zu bekommen. Also ich habe noch keine Kinder, aber ich werde es dann irgendwann erfahren wie es Müttern geht, oder Frauen, die wegen ihrer Probleme abgewertet werden. Menstruation zum Beispiel sei nicht so schlimm – dabei kann kein Mann nachvollziehen, wie schlimm es wirklich ist. Das sind Themen die mich interessieren.

Gibt es Werte sind, die dir wichtig sind?

Ich bin gerade in einer Problemphase, wo viele Menschen nicht ehrlich zu mir sind, was ich nicht verstehe. Deshalb sind mir Ehrlichkeit und Offenheit sehr wichtig, da habe ich schon sehr viel durchgemacht. Ich möchte nicht, dass hinter meinem Rücken geredet wird. Man sollte nicht schüchtern sein, etwas zu anderen zu sagen. Treue ist mir auch sehr wichtig.

Was bedeutet es für dich, in einer Demokratie zu leben?

Ich persönlich kann damit nicht wirklich viel anfangen, weil ich mich damit nicht befasse. Aber ich stelle mir vor, in einer Demokratie zu leben ist nicht einfach, es werden halt immer wieder Entscheidungen getroffen, an denen man nicht mitgestalten kann. Ich würde gern Frauenrechte mitbestimmen, zum Beispiel.

Was ist deine Motivation, dich für deine Themen und andere Menschen einzusetzen?

Seit der 5 Klasse dachte ich mir, ich versuche jetzt Menschen zu helfen. Ich habe zum Beispiel meine Haare gespendet, für krebskranke Kinder und ich habe immer versucht, für die Gesellschaft etwas zu tun, obwohl ich ja nicht so viel tun kann. Ich würde gern in einem Verein tätig sein, wo Menschen über ihre Probleme reden können, ich weiß nicht ob es sowas gibt, aber das wäre schön. Im Verein würde ich Menschen helfen, beispielsweise wenn Freunde Stress mit den Eltern haben usw. Ich wollte unbedingt Ärztin werden seit der 2. Klasse und da ich auch so viele eigene schlimme Erfahrungen gemacht habe, würde ich gern Menschen auf psychischer und seelischer Ebene unterstützen mit ihren Problemen.

Was brauchst oder wünschst du dir an Unterstützung für dein Enagement?

Ich brauche Menschen, die an mich glauben. Ich denke man bräuchte Menschen hinter sich, um einen Verein zu gründen, also Gleichgesinnte finden, die eine positive Einstellung und Motivation haben, was zu machen

Gibt es etwas, was du gern anderen jungen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen mit auf den Weg geben möchtest?

Ja, wir sollten alle zusammen für unser Recht auf Gleichheit und für Gleichberechtigung kämpfen!